Gastbeitrag: Exilant in der Heimat oder Heimatloser im Exil?

23.12. 12.30 Uhr

Ein Koffer wird gepackt, da die Familie den weihnachtlichen Besuch für eine Selbstverständlichkeit hält. Es wird also nach Grimmen gehen.
Vorzeichen: Ein Todesfall auf der einen Seite der Familie – eine schwerkranke und zunehmend geistig abbauende Großmutter auf der anderen.

23.12. 16.30 Uhr

Eine Freundin nimmt mich per Automobil mit nach Grimmen. (Merci dafür!)
Ortseingang passiert – „Frei, sozial, national“ „grüßt“ es von einer Wand und ich ahne in diesem Zusammenhang auch, dass „ANG“ hier wohl kaum für „ANGry Antifa“ stehen wird.

23.12. 20.45 Uhr

Es geht für den Abend erstmal weiter nach Greifswald, um einen Freund zu besuchen. Auf dem Weg dahin noch ein Stopp in einem Grimmener Supermarkt. Wie sich dort in der Bierabteilung zeigt, scheint auch schon der örtliche Bürgermeister einen ebenso bürgermeisterlichen Durst zu haben. Anstoßen würde man mit ihm aber kaum…

24.12. 00.00 Uhr

Die Sache in Greifswald entpuppt sich als handfeste WG-Party. Die Mitbewohnerin eines Kumpels feiert kräftigst in ihren Geburtstag herein. Man sagte mir, dass bereits seit 15 Uhr getrunken werde. Auf sympathische Weise sieht man es ihnen auch an: Ich wecke das Geburtstagskind um Mitternacht zur Gratulation.

24.12. 03.00 Uhr

Grimmen. Bett. Letzte Bilder in meinem Gedächtnis: Einer Freundin beim Kotzen die Haare halten – Auf der Rückfahrt die Titel einer ehemaligen Grimmener Punk-Kapelle mitgröhlen.
“Ein Bier, ein Schnaps und ein Gefühl!“

24.12. 16.30 Uhr

Kaffeekranz bei Tante und Onkel. Meine Tante schenkt uns Eierlikör ein. Meine Großmutter nickt derweil im Sessel immer mal wieder weg. Die Szenerie wirkt doch fast besinnlich.

24.12. 22.45 Uhr

Das alljährliche Heiligabendbier mit Freunden scheint auszufallen. Diese bleiben lieber bei ihren Familien beziehungsweise sind dieses Jahr gar nicht erst nach Grimmen gereist.

24.12. 23.45 Uhr

Doch noch ein Besuch bei einem alten Freund. Ich habe ihn über ein Jahr nicht gesehen. Er verließ Grimmen in dieser Zeit fast nie – Mich verschlug es nur noch selten her.
Die Entfremdung ist deutlich. Ich erkläre ihm was ein Gender Gap ist und erzähle etwas zum Genozid an den Herero. Meine ungewollte Oberlehrer-Art kotzt mich mit jeder weiteren Vodka-Mische mehr an.

25.12. 15.30 Uhr

Besuch bei Großmutter A – Bin vorrangig damit beschäftigt sie anzubrüllen. Manche Menschen empfinden offenkundig ein Hörgerät mehr als Kränkung, denn als Hilfe…

25.12. 17.00 Uhr

Besuch bei Großmutter B – Irgendwas mit „Wird schon wieder irgendwie bergauf gehen“.

25.12. 20.30 Uhr

Ich ziehe kurz in Erwägung den alljährlichen Weihnachtstanz im „Treffpunkt“ zu besuchen. Lasse schnell wieder von der Idee ab – aus Gründen.
Für die einen Tanzveranstaltung, für die anderen Kulturpessimismus.

25.12. 21.15 Uhr

Bahnhof Grimmen, an Gleis 1. Auf dem Weg hierher traf ich noch kurz meine Cousine. Während ich meinen Koffer durch’s Plattenviertel zog, zog sie los zum Weihnachtstanz.
Im Wartehäuschen klebe ich noch ein paar Sticker – vielleicht um mein Gewissen zu beruhigen. Der letzte Zug wird mich nun gleich wieder zurück in die „große“ Stadt bringen – früher als geplant – alles mehr Flucht als Abschied….